Wissenswertes über Burgen und Schlösser im Allgemeinen und Schloss Reichenberg im Besonderen


Ein Stück greifbar gebliebene Geschichte vor der Haustür
Von Ernst Hieronymus


Burgen und Ruinen, Zeugen der Vergangenheit, erinnern auch in der Zent Reichelsheim an die Zeit von der ersten Besiedlung bis zum 30jährigen Krieg. Die alten Ringwälle (Heuneburg) und späteren Wallburgen (Ölberg bei Schriesheim) waren die Vorgänger. Auch die mittelalterlichen Dorf- und Stadtbefestigungen zeigten burgartige Anlage, daher vielfach die Enge der Gässchen und Plätze, die alles umfassenden Mauern oder wenigstens befestigten Tore oder Erdwälle und Haingräben. Die engsten Burgen wurden Burgställe genannt (Beerfurther Schlösschen), sie sind gewöhnlich sehr alt. Manche wurden gar zu Hofburgen erweitert (Reichenberg und Lindenfels).

Wallburgen in der Ebene oder Wasserburgen waren die Uranlagen der Schlösser Erbach, Fürstenau und Darmstadt. Die Entwicklung des Burgenbaues veranschaulichen unter den Odenwaldburgen am besten Breuberg und Otzberg. Auf einer Wallburg sind dort alle notwendigen, das heißt den Anforderungen der fortschreitenden Zeit entsprechenden Anbauten nach und nach zugefügt. Erst im 2. Jahrhundert verbanden die Burgenbaumeister mit der bis dahin vor allem geforderten Festigkeit (roman. Stil) die größere Bequemlichkeit und künstlerische Vollkommenheit (got. Baustil). Viele Burgen erreichten dieses Ziel nicht (Rodenstein), viele lassen aber beide Baustile erkennen.

Frühe mittelalterliche Burgen waren der Sitz der königlichen Territorialverwaltung, der Centgrafen oder ihrer Amtmänner (Keller), z.B. die „Richenburg“, dann der sich entwickelnden Adelsgeschlechter oder Burgmannen der Klöster (Starkenburg). Besitzwechsel oder besser Wechsel der Besitzer veranlasste die Änderung der Familiennamen, was die Forschung ungemein erschwert. Ein Fürst nannte sich Junker vom Reichenberg. Die Benutzung der Burg durch zwei oder gar mehr Vettern gleichzeitig verursachte öfters Streit (Reichenberg und Rodenstein), was im günstigsten Fall zu einem sogenannten Burgfrieden führte (Reichenberg 1307 und 1320).

Burgen und befestigte Städte waren im Mittelalter und später noch bis zum 30jährigen Krieg als Zufluchtsstätten für die Bevölkerung der Umgegend und zur Verteidigung des Landes angelegt (Reichenberg, Lichtenberg). Mit der zunehmenden Durchschlagskraft der Belagerungsgeschütze versagten die Umfassungsmauern immer mehr, viele Burgen zerfielen, manche aber wurden auch als stilvoll Herrschaftssitze ausgebaut (Erbach, Fürstenau, Darmstadt).

Schloss Reichenberg, 328 m hoch gelegen, erhebt sich ca. 100 m über Reichelsheim und mehr noch über das Wiesental, in dem sich Merg- und Eberbach vereinigen. Das ganze Jahr über einen herrlichen Anblick bietend, nimmt sich die Burg besonders schön aus, wenn sie von der Sonne beschienen aus dem weiten Nebelmeer der tiefer gelegenen Umgebung herausragt.

Über Gründer und Gründungszeit der ersten Burganlage fehlen urkundliche Nachrichten. Der Erbacher fand den sich aus seiner Umgebung erhebenden steilen Berg mit der allseits weitreichenden Fernsicht ganz seinem Zwecke entsprechend.

Ringwälle und Römerwerke suchen wir umsonst als ältere Anlagen auf dem Reichenberg. Der Name Reichenberg, 1307 Richenberg, das heißt wohl Burg des Richo, mag auf einen Gründer Richo hinweisen – vermutlich ein fränkischer Edelmann.

Im 9. Jahrhundert ist die Zent Reichelsheim noch Reichsgut, das vom König verliehen wurde. Gewichtige Gründe sprechen dafür, dass die Erbacher Dynasten die Zent Reichelsheim schon vor 1213 besaßen. Mitglieder der Gesamtfamilie, besonders die Fürstenauer und Michelstädter Seite, hatten lange Zeit und mitunter gleichzeitig hier ihren Sitz (das Wappen über dem Grafenstuhl in der evang. Kirche in Reichelsheim ist das der Fürstenauer).

1307 wohnten ein Fürstenauer und ein Michelstädter auf der Burg. Infolge des gemeinsamen Besitzes von Burg und Dorf lebten sie in Streit und haben sich im Burgfrieden von Heidelberg (08.12.1307) wieder versöhnt. Die Grenze dieses Friedensbezirks ging von Reichelsheim über Eberbach, Michelbach, Rücklingsberg, Gersprenz, Beerfurth, Frohnhofen wieder nach Reichelsheim. Die Niederschrift darüber ist die älteste Erbacher Urkunde in deutscher Sprache. 1320 wurde der Burgfrieden erneuert, dann gibt es keine Nachricht mehr vom Streit der Vettern auf dem Reichenberg.

Im 15. Jahrhundert wohnt daselbst ein Fürstenauer, genannt der Junker vom Reichenberg (1431 hat er ein Bruderhaus in Reichelsheim gegründet). 1618 stirbt Friedrich Magnus auf der Burg und wird in der Kirche zu Reichelsheim begraben. Im 30jährigen Krieg war das damals noch befestigte Schloss wiederholt die Zufluchtstätte für die Bevölkerung der näheren und weiteren Umgebung. Selbst Erbacher Vorstädter suchten im Juni 1622 Schutz auf Burg Reichenberg. Nachdem schon 1621 die Gegend – trotz gewährter Kontributionen – der Plünderung und Brandschatzung ausgesetzt waren, wobei Kirche, Pfarrhaus und Zenthaus zu Reichelsheim hart gelitten hatten, wurde der Reichenberg im Jahr 1622 gestürmt, konnte aber nicht eingenommen werden. Der Angriff am 23. Juni – einem Sonntag – wurde abgeschlagen. Während der gleichen Zeit musste sich Erbach sehr der Angriffe erwehren, doch mit weniger gutem Erfolg. In Reichelsheim verbrannten die Angreifer am 29. Juni 1622 sechzehn Häuser, Ober- und Unter-Ostern aber verbrannten sie ganz. Acht Mann wurden erschlagen. Brandschutt fand man auch im Boden der Hofreite Dingeldein in Frohnhofen.

Als Burgmannen auf dem Reichenberg werden genannt: Die Herren von Wallbrunn zu Ernsthofen, die Kesselhute von Seeheim, der Schelm von Bergen (durch Aussterben dieser Vasallen fielen ihre Lehen an Erbach zurück).

Die Vorburg mit dem 1. Tor, Wachturm und anschließenden Mauern ist verschwunden. In der Oberburg erkennt man in den Mauerresten über einem großen und tiefen Keller die Reste des Palas, an einer Kante noch zwei Stockwerke hoch, den noch gut erhaltenen „Krummen Bau“, den 50 Meter tiefen Ziehbrunnen, den allumschließenden Zwinger, einen Turmrest mit dem Burgverlies, den die Oberburg abschließenden Zugbrückeneingang, das wohlerhaltene Tor mit gotischem Bogen und die ebenfalls im Spitzbogenstil erbaute Burgkapelle. Das Haus des gräflichen Fischers, dessen Keller im unteren Burghof stand, steht jetzt in Reichelsheim.

Der Weg vom Schloss nach dem Beerfurther Weg heißt der Burgweg, das Gärtchen vor dem Burgtor das Fischereigärtchen (Besoldungsteil der Fischer). Die Gärten auf der Reichelsheimer Seite heißen „der Wingert“. Hier stand bis im Dezember 1921 das alte Wingertshäuschen. Das Tälchen unmittelbar hinter dem Schloss (Nordseite) hat die Bezeichnung „Tiergarten“. Durch ein enges Mauerpförtchen führte hiervon der Waldpfad zum Ratzebrunnen, der den Schlossbewohnern sehr gutes Wasser lieferte, wenn es oben mangelte.

1713 wird die Verwaltung der Zent nach Reichelsheim ins Amtshaus verlegt. 1717 kommt das Amt Reichenberg an die Linie Erbach-Erbach und zwar an den Grafen Georg Wilhelm, der auf Schloss Reichenberg wohnte, aber 1731 nach Erbach umsiedelte. Dieser Landesteil wurde ihm durch Todesfall zugeteilt. Mit Georg Wilhelm schied der letzte Graf vom Reichenberg. Er und seine beiden Brüder gründeten die drei Linien: Erbach-Erbach, Erbach-Fürstenau, Erbach-Schönberg. Der Reichenberg ist von da an lediglich Beamtensitz. 1713 wurde das Amtshaus in Reichelsheim mit Amtmann-Wohnung und Gerichtssaal – später Schmiede Kaffenberger und Apotheke – erbaut und dadurch die gräfliche Amtsverwaltung nach Reichelsheim verlegt. Es wohnten dann nur noch untere Beamte auf dem Reichenberg, zeitweilig ein Förster, ein Fischer und ein Fruchtmesser, der die Getreidelager beaufsichtigte (Zenten).

Der gräfliche Beamte Nees war wohl der letzte Amtsverwalter, der seinen Sitz auf Reichenberg hatte. Hier wuchsen auch seine beiden Söhne auf, die sich später auf naturwissenschaftlichem Gebiet einen Namen machten: Christian Daniel Gottfried und Friedrich Ludwig Nees. Christian Daniel war ein Freund Goethes, stand mit diesem in engem Briefwechsel und nannte sich später Christian Daniel Gottfried Nees von Esenbeck (Esenbeck war der Geburtsname seiner Mutter).

Als die Gebäude dann leer standen, zerfielen sie und wurden teilweise auch abgetragen. Die eigentliche oder Oberburg wurde seit 1731 vernachlässigt, sie musste in der Mitte des 18. Jahrhunderts Material liefern zum Ausbau des Kammerbaus – Dienstwohnung und Ökonomiegebäude im Unterhof. Um 1860 stellte Graf Eberhard XV. Mittel bereit, um die Burg vor weiterem Zerfall zu retten.

Ab 1875 kam wieder Leben auf den Reichenberg. Pfarrer Anthes gründete in den Gebäuden eine Knabenerziehungsanstalt, die bis zur Inflation 1923 mit Erfolg geführt wurde. Am 1. April 1913 übernahm Pfarrer Lucius die Leitung der Schule. Aus allen Teilen Europas, aus Amerika und Asien besuchten Söhne reicher Eltern die bekannte Internatsschule auf dem Reichenberg. Danach diente das Amtshaus 14 Familien, die aus den besetzten Rheingebieten ausgewiesen waren, als Unterkunft.

Bauer Jakob Siefert aus Frohnhofen erwarb schließlich das Anwesen und baute es zu einem Kur- und Erholungsheim um. Während des 2. Weltkrieges war das Schloss zur Nachtzeit der Luftschutzwache als Beobachtungsplatz zugewiesen. Danach erwarb die Deutsche Bundespost den vorderen Teil der Gebäude und betrieb diese als Posterholungsheim und Tagungsstätte für Postbedienstete. Der obere Teil blieb in Privatbesitz von Elisabeth Siefert (Tochter des Erwerbers).

1979 kaufte die Vereinigung „Christen in der Offensive“ mit Sitz in Bensheim die Gebäude von der Bundespost und hat die Räumlichkeiten hauptsächlich für Tagungen, Seminare und Unterkünfte für die Tagungsteilnehmer ausgebaut. Neu hergerichtet wurde auch die Kapelle. Die Auflage der Gemeinde Reichelsheim beim Erwerb der Anlage wird von der „Offensive junger Christen“ erfüllt, indem das Grundstück öffentlich zugänglich ist und ein Tagescafé für die Besucher des Reichenberges betrieben wird.

So ist heute Burg und Schloss Reichenberg wieder mit Leben erfüllt und erstrahlt im neuen Glanz weithin über das Gersprenztal.


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